Die Seele denkt in Bildern
Oberbayerisches Volksblatt vom 04.09.2003
Aschau- Wie versunken sitzt ein kleines Mädchen in ihrem Bett über einem Blatt Papier, ihr verkürztes linkes Bein
ist fixiert mit silbernen Metallstäben, verbunden über Metallringe, einem Ilisarov Fixateur, liebevoll
Ili genannt, der die Knochen verlängern soll. Sie malt. Malt blaue Muster, Hellblau vermischt sich mit
Nachtblau. Braune Locken fallen in ein ernstes Gesicht, doch ihre dunklen Augen leuchten. Anna (von der Redaktion
geändert) hat ein viel zu kurzes Bein. Erst in einigen Wochen darf sie nach Hause - ihre Mutter kann sie nur selten
besuchen, die arbeitet in Stuttgart. In der orthopädischen Kinderklinik in Aschau darf Anna momentan zusätzlich
einmal pro Woche in der einzelkunsttherapeutischen Begleitung ihren Gefühlen und Ängsten mit Wachskreiden und
flüssigen Aquarellfarben Ausdruck geben.
Krankheiten haben nicht nur eine körperliche Seite. Sie spielen auch in den Gedanken, Gefühlen und
Phantasien der Kinder eine große Rolle, weiß Christiane von Canal, selbständige Kunst- und Traumatherapeutin
aus Prutting. Drei Stunden wöchentlich arbeitet sie in der Kinderklinik zur Zeit mit körperlich behinderten Kindern
in Einzeltherapie - seit Juli ermöglicht durch die Unterstützung der Mirja Sachs Stiftung für Kinder.
Die Seele denkt in Bildern - Bilder malen ist eine Möglichkeit, die Mauer des Schweigens und der nicht
ausgesprochenen Verzweiflung zu überwinden, die durch die Krankheit ausgelöst wird, erklärt die
Kunsttherapeutin. Kinder, die oft nicht in der Lage sind, ihre neue, häufig traumatische Krankheitssituation zu
reflektieren, bekommen so die Möglichkeit, sich aktiv damit auseinander zu setzen und das Trauma zu überwinden.
Die anfangs durch Krankheit und Erschöpfung erlebte Begrenzung der eigenen Gestaltungskraft könne sich im Laufe der
Arbeit mit Farben und Formen verändern. Aus der Erfahrung Trotz allem - ich kann etwas gestalten könne
neuer Lebensmut wachsen, der über die Therapie hinaus wirkt. So könnten innere Kraftquellen bei den Kindern
aktiviert werden. Die Kinder seien mit viel Freude und Hingabe dabei, lernen über die Bildarbeit anders mit ihrer
Behinderung und Schmerzen fertig zu werden.
Tanja Karsten, die Psychologin der Kinderklinik und Nina Musial, Leiterin des Sozialdienstes, empfehlen der
Therapeutin Frau von Canal die Kinder, bei denen sie einen akuten Bedarf für eine begleitende Kunsttherapie sehen.
Neben anderen laufenden Therapien wie Krankengymnastik, Ergotherapie, Spieltherapie oder psychologischer und
freizeitpädagogischer Betreuung sollen Kinder so weitere seelische Unterstützung im Genesungsprozeß erhalten.
Es gibt mehr Kinder, bei denen Bedarf für kunsttherapeutische Unterstützung gesehen wird, als ich in den drei
Stunden wöchentlich betreuen kann, meist bin ich länger da, seufzt Christiane von Canal. Nach Aussage des
psychologischen Dienstes der Klinik wäre eine Weiterführung des Projektes, das zunächst für drei Monate angelegt
ist, für die Kinder wertvoll.
Anna betrachtet ihr Bild. Aus den Mustern sind verschlungene Ranken gewachsen, die in Blüten auslaufen.
Sie lächelt.